Showcase

Pauline Stopp

Wahrheiten über die Wirklichkeit

"Ich sammle Gegenstände, Informationen, Farben, Formen und Geräusche und führe diese nach einer eigenen Ordnung und einer entfremdeten Funktion zusammen.
Es entstehen Werke mit mehreren Schichten, sowohl inhaltlich als auch physisch. Gefundenes und gebrauchtes Material bilden die Basis, ich ergänze diese durch eigene künstlerische Ebenen und schaffe
damit neue Geschichten.
Der Inhalt bestimmt das von mir gewählte Medium und Material.
Ausgehend von Heimatästhetik, konservativem Sprachgebrauch und Kunsthandwerk – zum Beispiel die
traditionellen Holzschnitzereien aus dem Erzgebirge –, sowie der Objektivierung des Menschen als Körper
zur Lust- und Freudengewinnung, entstehen Zeichnungen, Malereien, Objekte und Videos.
Oft nutze ich einen kindlichen Duktus.
So verweise ich auf eine grelle, infantile Welt – süß, rosa, lieblich.
Dahinter verstecke ich die Morbidität einer jeden Existenz – fleischig, zerrissen, verletzt." (Pauline Stopp)

Glücklich wäre, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist
2018 | Installation mit Videoprojektion

Das Maß der Dinge
2016 | Video 16:9 | 7:34

Als Künstlerin war ich eingeladen, an einer Gesprächsrunde nach der Aufführung des Theaterstücks „das maß der dinge“ im Theater Greifswald teilzunehmen. Kernthema des Stücks ist ein künstlerisches Experiment, das die Frage nach moralischen Grenzen der Kunst aufwirft.

Die Diskussionsbeiträge einiger TeilnehmerInnen bilden die Grundlage meiner künstlerischen Transformation. Entstanden ist ein Kurzfilm, der zeigt, wie stark visuelle Eindrücke den Gesprächsinhalt beeinflussen. Es entsteht eine Verfremdung auf mehreren Ebenen: Der Gesprächsverlauf ist aus existierenden Beiträgen verändert zusammengesetzt; andere Personen – die selbst nicht an der Diskussion teilnahmen – haben den Diskutanten ihre Stimme geliehen und eine eigene Interpretation geliefert; ich verkörpere alle TeilnehmerInnen selbst (mit leichten Änderungen im äußeren Erscheinungsbild); der ursprüngliche Gesprächskreis ist in eine fünffache Frontalansicht gleichzeitig agierender Personen transformiert. Diese Verfremdung stellt den Bezug zum Ausgangmaterial her, indem es sich einer theatralen Form bedient, in der Menschen andere Rollen übernehmen.

Hier & Jetzt
2018 | Ausstellungsansicht

05 Ausstellungsansicht „Hier & Jetzt“, 2018, Künstlerhaus Schloss Plüschow. Foto: Udo Rathke

semipermeabel
2017 | Gips und Pigment | 110 x 90 x 30 cm

06 „semipermeabel“, 2017, Gips und Pigment, 110 x 90 x 30 cm. Foto: Roman März

Keep it to yourself
Serie 2020 | Ölpastell auf Karteikarten | 21 x 15 cm

07 Serie „Keep it to yourself“, 2020, Ölpastell auf Karteikarten, 21 x 15 cm

Sun always shines in Corona Times
Serie 2020 | Ölpastell auf Karteikarten | 21 x 15 cm

08 Serie „Sun always shines in Corona Times“, 2020, Ölpastell auf Karteikarten, 21 x 15 cm

palm
2019 | Ölpastell auf Karteikarte | 21 x 15 cm

09 „palm“, 2019, Ölpastell auf Karteikarte, 21 x 15 cm

Nature I & Nature II
2018 | Ölpastell, Bleistift, Transparentpapier | 40 x 30 cm

10 „Nature I“ & „Nature II“, 2018, Ölpastell, Bleistift, Transparentpapier, 40 x 30 cm

Pauline Stopp ... Wahrheiten über die Wirklichkeit

Eine Skulptur lagert auf dem Boden. Aus Gips geformt, zeigt sie zahlreiche runde Formen und ist eingefärbt mit rosa Pigment. Ihr Titel ist semipermeabel – halbdurchlässig. Sofort stellt sich eine Vorstellung von Körperlichkeit ein, an Eier, an Brüste kann man denken. Es sind Formen der Fülle, aber doch zugleich dermaßen poppig rosa bemalt, dass hier jede konkrete Nachahmung von Natur sofort als Persiflage erscheint. Die Sache ist also keineswegs eindeutig. Und sowieso: Die Arbeit semipermeabel ist ästhetisch mehrdimensional, denn sie ist nicht nur Skulptur, sondern auch Bestandteil eines Fotos, das die Künstlerin Pauline Stopp behängt mit diesen eiförmigen Gebilden zeigt. Es entstand bei einer Performance. Hier gehört demnach Verschiedenes zusammen: Die plastische Arbeit ist als Skulptur oder Objekt Teil einer Ausstellungsinstallation und einer Performance; das Foto, das sie abbildet, ist zudem ein grafisches Kunstwerk und darüber hinaus Dokument der künstlerischen Aktion.

Alles beginnt und gestaltet sich hier mit dem Denken und Handeln von Pauline Stopp, die über ihren Werkprozess sagt: „Der Inhalt bestimmt das von mir gewählte Medium“. Die Medien, Techniken, auch das Material ihrer Kunst sind tatsächlich vielfältig – sie verwendet Farbstifte und Videotechnik, sie strickt und gestaltet dreidimensional. Sehr vieles kann Stoff ihrer Kunst werden, auch sammelt sie Gegenstände, die sie verwertet. Pauline Stopp ist eine Künstlerin der Bricolage, des Experimentierens, Forschens und Bastelns – technische Perfektion ist für ihr ästhetisches Verständnis nicht unbedingt ausschlaggebend, viel eher der Prozess, in dem ein Kunstwerk entsteht. Auf den ersten Blick wirken ihre Arbeiten fast ein wenig kindlich, also spontan gemacht und vereinfachend in der Darstellung. Doch Vorsicht, es ist hier nichts simpel, vor allem sind Pauline Stopps Werke tiefgründig und an Fragen orientiert, die unmittelbar unsere Existenz und die Existenz unserer Kultur berühren.

So zeigt die Künstlerin in der 2017 entstandenen Zeichnung Lost in translation wie sie die Millionenmetropole Qingdao erlebt hat. In ihrer Darstellung können wir Berge und Dunkelheit, Wolken, Regen und Schlote erkennen – aber nur irgendwie, denn die dargestellten Gegenstände bleiben im Ungefähren, so dass man eher etwas vermutet, denn tatsächlich erkennt. Es geht Pauline Stopp nicht um ein realistisches Abbilden im üblichen Sinne: Vor allem handelt die Zeichnung vom Versuch eines Verstehens und Begreifens von Unbekanntem und Ungewissem, also um eine Annäherung an eine durchaus andere kulturelle Umgebung, deren urbane Realität auch aufgrund von Umweltproblemen, etwa schlechter Luft, keineswegs nur angenehm, entspannend und erholsam ist. Von solcher Erfahrung spricht die Zeichnung mit grafischen Kürzeln und Andeutungen, die eine insgesamt unheimliche und melancholische Atmosphäre erzeugen. In der Zeichnung wird demnach Katastrophales sichtbar gemacht mit den Mitteln unmittelbarer und spontaner grafischer Intervention. Dieses Unmittelbare entsteht, so sagt Pauline Stopp, in einem tranceartigen Zustand, in einer eigenen Welt des Zeichnens, das sie als Linkshänderin linkshändig betreibt. Bei Lost in translation spielt die Künstlerin mit dem Titel auf einen berühmten Hollywoodfilm an; er besagt auf Deutsch 'Verloren in der Übersetzung' oder 'Zwischen den Welten'. Diese Bezeichnung weist in Richtung einer Deutung. Titel sind bei Stopps Arbeiten wichtig für ein Verständnis ihrer Kunst, manchmal sind sie ironisch zu begreifen.

Pauline Stopps Werke besitzen in ihrer Direktheit etwas Schonungsloses; damit berühren sie, das allzu Artifizielle ist hier überflüssig. Das Direkte, das Schnörkellose sind Merkmale ihres künstlerischen Stils. Womöglich sind es gerade solche Eigenschaften, die zum Vergleich mit dem Gestalten von Kindern verleiten, weil wir Kindern unterstellen – berechtigt oder nicht – ihr Handeln sei arglos und ohne Hintergedanken. Bei Pauline Stopp führt das unverblümt Direkte jedoch vor allem zu einer Radikalität in der Aussage, und so wird zum Beispiel in ihren Zeichnungen verhandelt, an welchen Körperstellen wie und wie intensiv erotische Berührung und Sexualität empfunden wird, oder, so bei der Performance Beim Essen spricht man nicht (2018), wie sich ein als Tier verkleideter Mensch im engen Rattenkäfig zurechtfindet – dieser Mensch ist Pauline Stopp. Solche Arbeiten zeigen mit unmittelbarer Einfühlung Erlebnisse, die meist als zu persönlich oder intim verschwiegen werden oder, wie bei der Tierperformance, einen als abwegig wahrgenommenen Vergleich von Mensch und Tier negieren oder bagatellisieren.[1]

Spielend, so scheint es, gelingt es Pauline Stopp erwachsen zu sein, und dabei doch auch Kindliches zuzulassen, also mit Identitätswechseln zu arbeiten, denn ihr Mensch-Tier-Vergleich bei der Performance im Rattenkäfig basiert auf einem Rollentausch, der von Kinderspielen bekannt ist. Stopp agiert demnach also sowohl spontan und kalkulierend, linkshändig unmittelbar, wie auch listig ironisch. In solch vermeintlicher Paradoxie entsteht ein Teil der Spannung, die ihren Arbeiten eigen ist.

Die Themen ihrer Kunst sind Themen unserer Zeit, sie fragen nach dem, was uns auf den Nägeln brennt: Wie gehen Menschen mit Menschen um? Was bedeutet es, einem Geschlecht zugeschrieben zu werden? Wie richten wir uns ein, in der Wohnung, der Welt, im Leben? Pauline Stopp arbeitet dabei oft mit Mitteln einer persönlichen Ethnologie, einer Erforschung des Alltags, in dem wir uns oft eher unbewusst wiederfinden und verhalten, als bewusst bewegen. Dergestalt sammelt und verwertet die Künstlerin alles Mögliche, das ihr begegnet und auffällt, nicht nur auf der Straße. Haarspangen und Metallteile, Medikamentenabfälle, Holzgegenstände aber auch Gerüche und Informationen. All dies kann Bestandteil künstlerischer Arbeit sein, etwa wenn sie dekorativen Festtagsschmuck – Kerzenständer und traditionelle Weihnachtsdekorationen – uminterpretiert und einsetzt, wie in der Installation Die meisten Probleme entstehen halt aus den Erwartungen, die man hat!; oder bei dem von atonalen Sounds David Adlers begleiteten Bewegungen eines Mobile mit dem Titel „Den Nackten kann man nicht ausziehen“, das sie aus Kunststoff, Kaugummi, Haaren, Holz, Textilien und Medikamentenverpackung montiert hat.

In der freien Verwendung von Techniken und Material entsteht hier ein Werk, das als persönlicher Kommentar zur gegenwärtigen Entwicklung der Kultur zu verstehen ist. Pauline Stopp spiegelt und führt vor Augen, wie und womit wir im Alltag handeln und hantieren. Ihr Blick scheint von außen zu kommen, doch führt er vor, wie wir die Existenz im Inneren, in der Struktur organisiert haben. Wenn dabei neben einem befreienden Lachen manchmal auch ein starkes Erschrecken eintritt, dann zeigt dies, wie genau Pauline Stopps Kunst Wahrheiten über die Wirklichkeit unserer Zeit mitteilt.

Peter Funken

[1] Erwähnt sei hier am Rande ein seltsames Phänomen: Anders und doch vergleichbar mit den Anime und Manga Characters treffen sich seit einiger Zeit sogenannte Furries, Menschen in Tierkostümen, die diese für ihre Rollenspiele benutzen.

 

Abbildungs- und Werkverzeichnis:

01 „Glücklich wäre, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“, 2018, Installationsansicht mit Videoprojektion, Altes Museum Neustrelitz. Foto: Katharina Neuweg
02 Detailsansicht „Düstere Aussichten für Familie Stopp“, 1992; „Glücklich wäre, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“
03 „fragmente03“, Teil der Installation „Glücklich wäre, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist“, Videocollage, Privatarchiv 1993 – 1996
04 „Das Maß der Dinge“, 2016, Video 16:9, 7:34min
05 Ausstellungsansicht „Hier & Jetzt“, 2018, Künstlerhaus Schloss Plüschow. Foto: Udo Rathke
06 „semipermeabel“, 2017, Gips und Pigment, 110 x 90 x 30 cm. Foto: Roman März
07 Serie „Keep it to yourself“, 2020, Ölpastell auf Karteikarten, 21 x 15 cm
08 Serie „Sun always shines in Corona Times“, 2020, Ölpastell auf Karteikarten, 21 x 15 cm
09 „palm“, 2019, Ölpastell auf Karteikarte, 21 x 15 cm
10 „Nature I“ & „Nature II“, 2018, Ölpastell, Bleistift, Transparentpapier, 40 x 30 cm

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