Bilder, Video & Audio

Nikita Kadan & Jessica Zychowicz

Mutilated Myth / Скалічений Міф / Okaleczony Mit

Zwanzig großformatige Kohlezeichnungen und eine neue Skulptur von Nikita Kadan bilden die von Jessica Zychowicz kuratierte Serie Mutilated Myth [verstümmelter Mythos]. Die Bilder der Serie Mutilated Myth markieren eine Bruchstelle in der Psyche; sie zwingen uns, die Vergangenheit im Kontext unserer Gegenwart neu zu betrachten. In seinen Arbeiten rekurriert Kadan auf zwei historische Bildquellen:

Die sehr bekannten und zu einem Inbegriff des Schmerzes geworden Fotografien von Opfern des Pogrom in Lemberg 1941, beiläufig aufgenommen von den Tätern, enthüllen die zyklische und unsichtbare Natur der systemischen Gewalt, indem sie alle kontextuellen Details bis zu ihrer Nacktheit und Nichtigkeit herunterkürzen. Diese Fotografien verbindet Kadan in seinen Werken mit Zeichnungen des polnisch-jüdischen Autors und Künstlers Bruno Schulz von dessen Heimatstadt Drohobycz und Umgebung. In den Gesichtern der gesamten Serie sehen wir die Gefahr einer Wiederholung der historischen Ereignisse: ein Verbrechen in seiner Formlosigkeit; eine Anschuldigung, die noch im Entstehen begriffen ist und somit auf jede*n von uns gerichtet ist.

In dem Aufsatz Die Mythologisierung der Wirklichkeit beschrieb Bruno Schulz die Wirklichkeit als einen instabilen "Schatten"-Effekt, der durch Worte erzeugt wird. Wenn Nikita Kadan in seinen Werken die von Schulz‘ gezeichneten Frauen aus Das Götzenbuch (Xięga Bałwochwalcza) mit den Fotografien aus dem Lemberger Pogrom verbindet, ist es fast so, als ob die Frauen hier trotz ihres öffentlichen Missbrauchs etwas von ihrem früheren Selbst zurückgewönnen.

Jessica Zychowicz schreibt und forscht auf den Gebieten der Ästhetik, Ethik und Geschichte. Sie ist Autorin der Monografie Superfluous Women: Art, Feminism, and Revolution in Twenty-First Century Ukraine (University of Toronto Press, 2020). In den Jahren 2017–2018 unterrichtete sie als Fulbright-Stipendiatin an der Kiew-Mohyla-Akademie visuelle Ethnographie. Derzeit ist sie an der University of Alberta in Kanada tätig und war zuvor Gastwissenschaftlerin an der Universität Toronto und an der Universität Uppsala in Schweden. Sie absolvierte Vorträge und Forschungsaufenthalte u.a. am Baltic Centre for Writers and Translators; an der University of St. Andrews in Edinburgh; am NYU Center for European and Mediterranean Studies. Ihren Doktortitel erwarb sie an der University of Michigan. Für weitere Informationen und Publikationen: https://www.jes-zychowicz.com/

Das künstlerische Repertoire des ukrainischen Künstlers Nikita Kadan reicht von Installation, Grafik und Malerei bis hin zur Wand- und Plakatgestaltung im öffentlichen Raum. Ebenso vielfältig sind seine interdisziplinären Kooperationen mit ArchitektInnen, AktivistInnen von Human Rights Watch oder SoziologInnen. In seiner jüngsten Ausstellung Projects of Ruins in Wien 2019 beschäftigte er sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Ukraine und deren Begründung im Sowjetkommunismus. In einer neuen Serie von Kohlezeichnungen setzt er sich mit Bruno Schulz‘ Radierungen aus dem Das Götzenbuch und Fotografien des Lemberger Pogroms von 1941 auseinander, setzt diese in Beziehung und interpretiert sie neu. http://nikitakadan.com

Das Projekt "Art in a Conflicted World" wird von der Kulturstiftung Schloss Wiepersdorf durchgeführt mit der freundlichen Unterstützung des Auswärtigen Amts.

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